Weltmeister, Trainer und Choreograf: Der 75-jährige Michael Obrecht hat den Rollkunstlauf in Freiburg und darüber hinaus geprägt. Er hat es geschafft, die Randsportart Rollkunstlauf ins Rampenlicht zu bringen.
Früher war Michael Obrecht vor allem eines: ehrgeizig. Sehr ehrgeizig. „Ich wollte aus allen meinen Sportler:innen Weltmeister:innen machen“, sagt er rückblickend. Und es ist ihm auch häufig gelungen: Frank Albiez, Kiki (Frédérique Florentin) sowie die Brüder Stefan und Daniel Müller wurden Weltmeister in der Kombination. Früher gab es nur die Kombination – bestehend aus Pflicht und Kür. Die Kür, sagt Obrecht, sei nichts für reine Fleißarbeiter gewesen. „Da braucht man Dinge, die man nicht erlernen kann.“ Talent unter anderem. Kiki hatte reichlich davon. „Wenn sie eine Kür einmal fehlerfrei konnte, dann saß sie. Bombensicher“, erzählt er begeistert. Seine jüngste Weltmeisterin Alina de Silva holte 2023 den Titel in der Pflicht. „Eine unglaublich nervenstarke Sportlerin“, sagt er voller Stolz. Als Sportler hat es Michael Obrecht zu vier Weltmeistertiteln in der Kombination gebracht.
Michael Obrecht ist nahe des FT-Sportparks aufgewachsen. Die einfache Betonfläche – über die später dann einfach das Parkett und dann die Schauenberghalle gebaut wurde – hatte er quasi ständig vor Augen. Der entscheidende Moment kam dann Anfang der 60er-Jahre: eine Schaulaufprobe, Markus Gallmann als Solist – und plötzlich war Obrecht mittendrin. „Auf einmal hatte ich einen Ballon in der Hand und bin bei der Show mitgelaufen.“Trainer waren damals Professor Kraft sowie Herr Preiss und die Trainingsbedingungen waren überschaubar. „Das waren zwei uralte Männer – und Professor Kraft konnte selbst nicht mal Rollschuhlaufen“, erzählt Obrecht lachend. Umso erstaunlicher: Bei den Deutschen Meisterschaften 1964 in der Freiburger Stadthalle wurde der damals 13-jährige Obrecht Vierter im Jugendbereich. Drei Jahre später startete er bereits in der Meisterklasse, wurde Zweiter und qualifizierte sich für die WM in Birmingham, wo er den fünften Platz in der Kombination belegte. 1968 folgte WM-Silber, 1970 in Nebraska der erste Weltmeistertitel. Insgesamt wurde Michael Obrecht viermal Weltmeister: 1970, 1971, 1972 und 1974. 1973 bremste ihn eine Verletzung aus. 1975 beendete er seine aktive Laufbahn. Eigentlich wollte er 1976 noch bei der WM in Rom starten – doch seine Mutter, jahrelang Abteilungsleiterin der Rollkunstlaufabteilung, fand das keine gute Idee. „Nur über meine Leiche“, war ihre Antwort auf seine damaligen Ambitionen, erzählt Obrecht schmunzelnd.Statt Rom kam etwas viel Größeres: Märchen auf Rollen. Die Idee kam von seiner Mutter, die erste Show 1976 hieß „Peterchens Mondfahrt“ – und war der Beginn einer 50-jährigen Erfolgsgeschichte. „Von den Rollkunstlaufshows lebt der Sport“, sagt Obrecht. „Hier haben wir den Nachwuchs generiert.“ Shows machen den Sport attraktiv. „Ich bin ein Show-Mensch.“ Nostalgie ist nicht sein Ding. „Ich halte nichts davon zu sagen: Früher war alles besser.“ Und doch findet er, dass das Wertungssystem früher besser für den Sport war. Schildchen hoch, sofort Feedback. Und man wusste, wer wie abgestimmt hatte. „Da konnte man hinterher immer so schön meckern über bestimmte Wertungsrichter“, sagt er lachend. Unvergessen bleibt für ihn die WM 2009 in Freiburg: hochprofessionell, fantastisch organisiert. „Da bin ich jeden Tag so gerne hingegangen.“ Für Obrecht: bis heute unerreicht.
Schon mit 15 war er Übungsleiter. 1980 wurde er festangestellter Vereinstrainer, später Landes- und Bundestrainer. Eigentlich sollte er etwas „Ordentliches“ werden. Auf Lehramt hat er Sport und Deutsch studiert – halbherzig. Bei einer Sportprüfung zog er sich einen Muskelfaserriss zu. „Darüber habe ich mich sehr gefreut“, sagt er und lacht. Das war das Ende des Studiums – und der Anfang der Karriere von Mister Rollkunstlauf.
Heute ist Michael Obrecht 75 Jahre alt, reist durch die Republik, schaut sich Musicals an und kennt den Berliner Theaterbetrieb besser als so mancher Einheimische. Zuhause entspannt er gerne, gibt noch „zum Spaß“ etwas Training und freut sich auf Tatort-Sonntage, bei denen er am Ende meist nicht weiß, wer der Mörder war. „Ich schlaf regelmäßig ein“, erzählt er schmunzelnd, „und wache weit nach Ende des Films wieder auf.“
Dankbar blickt er zurück. Sein Ehrgeiz, sein Mut und die Möglichkeiten, die er hatte, haben den Rollkunstlauf in Freiburg und weit darüber hinaus ins Rampenlicht gerückt. Besonders stolz ist er auf die „Nanny auf dem Dach“. „Ein richtiges Musical.“ Die Szene mit 14 Männern und 14 Frauen als Schornsteinfeger: „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut.“ Über 100 Läuferinnen und Läufer standen bei den Märchen auf der Fläche – Deutsche, Europa- und Weltmeister, von jung bis alt. Grandiose Choreografie, tolle Musik, unglaubliche Bühnenbilder: In Freiburg waren die Märchen auf Rollen eine Marke und die Vorstellungen immer ausverkauft.
Der Rollkunstlauf hat von ihm profitiert – und er von seinem Sport. „Ich bereue nichts“, sagt er. Über 20-mal war er in Australien, zweimal beim Sommerfest des Bundeskanzlers eingeladen. Einmal bei Willy Brandt – daran erinnert er sich. Wer der zweite Kanzler war? „Keine Ahnung. Ich stand da neben Karin Dor und Pierre Brice – da kann ich mich beim besten Willen nicht mehr an den Bundeskanzler erinnern“, sagt er und lacht wie so häufig. Auch das aktuelle Sportstudio lud ihn ein. Aufs Tor schießen musste er dort aber nie.
Fünf Jahrzehnte Shows auf Rollen, rund sechs Jahrzehnte als Trainer, unzählige Läuferinnen und Läufer zu Titeln geführt und selbst zahlreiche Erfolge gefeiert: Michael Obrecht prägte den Rollkunstlauf wie kaum ein anderer – mit dem Anspruch, Menschen zu berühren und einen Sport sichtbar zu machen, der sonst in der Nische steht. Gut, dass Michael Obrecht kein Lehrer geworden ist.